Warum ein tiefer Muskel so viel Spannung trägt – der Psoas Muskel
- Martina Sailer

- 26. Mai
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 16. Juli
Kürzlich bin ich über den Satz gestolpert, der Psoas sei der Muskel der Seele. Dabei musste ich kurz schmunzeln. In der Körpertherapie wird er gerne so genannt, weil er als tiefster Hüftbeuger unser primärer Flucht- und Kampfmuskel ist – er reagiert auf jede emotionale Anspannung blitzschnell, indem er sich reflexartig zusammenzieht. Aus neurobiologischer Sicht speichert das Gewebe selbst jedoch keine Traumata oder Gefühle, diese sind im Nervensystem verankert.
Für mich ist die Seele ein lebendiges System, das durch intensive Erfahrungen verletzt oder in Anteile gespalten werden kann und sich nach Individuation (dem Weg zur Ganzwerdung) sehnt. Bleibt das Nervensystem nach solchen Erfahrungen in einer dauerhaften Überlebensreaktion stecken, wird der gesamte Körper zu einer chronischen Schutz- und Speicherfläche. Der Psoas ist also kein isolierter Seelenort, sondern eine laute Sirene eines Nervensystems, das versucht, Sicherheit herzustellen. Der Körper lügt nicht. Er zeigt, was das Nervensystem hält.
Der Psoas major – ein zentraler Verbindungsmuskel zwischen Wirbelsäule, Becken und Vagusnerv

Der Psoas verbindet die Lendenwirbelsäule mit Becken und Beinen darüber hinaus steht er über die Faszien in Verbindung mit dem Zwerchfell und weist so eine indirekte Brücke zur Lunge auf. Er stabilisiert, richtet uns auf und ermöglicht Bewegung. Genau an dieser Schnittstelle im Zwerchfell begegnen sich Muskel und Nervensystem auf tiefster Ebene: Hier verläuft auch der Vagusnerv, unser Hauptnerv für Entspannung und Regeneration. Steht der Psoas unter Stress und Dauerspannung, engt er über die Faszien das Zwerchfell ein und sendet über den Vagusnerv ununterbrochen das Signal „Gefahr“ an das Gehirn. So entsteht ein fataler Kreislauf, in dem der Körper verlernt, in die Sicherheit zurückzufinden.
Die gute Nachricht ist: Solange sich Spannung wieder lösen kann, bleibt das System flexibel. Wird Anspannung jedoch zum Dauerzustand, kann auch der Psoas in Aktivierung bleiben. Was sich dann zeigt, sind Spannungsmuster im unteren Rücken, im Becken oder in der Beweglichkeit.
Hat dich das berührt? Einmal die Woche, immer mittwochs, ein stiller Moment für dich.
Warum sich der Psoas durch Sicherheit löst – nicht durch Dehnung
Dabei geht es nicht um „Emotionen im Muskel“, sondern um ein Nervensystem, das Sicherheit herstellen will. Und genau hier liegt ein entscheidender Punkt: Der Psoas entspannt sich nicht primär durch Dehnung, sondern durch Sicherheit. Erst wenn der Körper registriert, dass nichts mehr gehalten werden muss, kann er loslassen.
Psychosomatik: Wie der Körper Spannungsmuster speichert
In der psychosomatischen Betrachtung zeigt sich, wie eng innere Prozesse und körperliche Spannung verbunden sind. Der Körper speichert nicht punktuell, sondern in Mustern – und der Psoas ist ein Bereich, in dem sich diese besonders deutlich zeigen.

Ein chronisch angespannter Psoas kann sich auch im Erleben widerspiegeln: als Gefühl, nicht voranzukommen oder innerlich blockiert zu sein. Biomechanisch ist das nachvollziehbar – dieser Muskel ist direkt an Aufrichtung und Vorwärtsbewegung beteiligt.
Das Becken als Zentrum von Stabilität und Sensibilität
Das Becken spielt dabei eine zentrale Rolle. Es steht für Stabilität und gleichzeitig für Sensibilität. Gerade bei Frauen liegt hier oft mehr als nur Funktion – Themen wie Abgrenzung, Verletzlichkeit oder gehaltene Erfahrungen können sich in diesem Bereich zeigen.
Psoas und Yoga: Loslassen in der Happy-Baby-Haltung

Im Yoga wird diese Verbindung erfahrbar. Der Psoas steht in Beziehung zum Zwerchfell, wodurch sich Atmung und Spannung gegenseitig beeinflussen.
Eine Asana, die diesen Bereich besonders anspricht, ist Happy Baby. Spielerisch in der Form, oft tief in der Wirkung. In dieser Position, getragen vom Boden, bekommt der Körper die Information, dass nichts mehr gehalten werden muss. Genau das ermöglicht dem Psoas, Spannung abzugeben – nicht durch Dehnung, sondern durch Loslassen.
Wenn sich Spannung löst, kann das auch emotional spürbar werden. Nicht mystisch, sondern als natürliche Reaktion eines Nervensystems, das sich reguliert.
Cranio-Sacrale therapie und körperliche Spannungsmuster
Auch in der Cranio-Sacralen Therapie wird mit dieser Verbindung gearbeitet. Unterschiedliche Ansätze beschreiben hier oft denselben Prozess: Der Körper organisiert sich neu, wenn Sicherheit entsteht.
Meine eigene Erfahrung mit chronischer Rückenspannung
Ich selbst hatte lange Beschwerden im unteren Rücken. Die nachhaltige Veränderung kam erst, als sich innerlich etwas gelöst hat. Mit dieser Veränderung hat sich auch mein Körper verändert. Die Spannung war nicht mehr notwendig – und ist verschwunden.

Für mich liegt genau darin die Bedeutung dieses „Muskel der Seele“-Gedankens. Nicht als wörtliche Wahrheit, sondern als Erfahrung: Der Körper reagiert auf das, was in uns passiert. Und wenn sich innen etwas klärt, beginnt sich auch im Körper etwas neu zu ordnen.
Wenn ein unruhiger Geist den Körper festhält
Vielleicht hast auch du schon bemerkt, wie eng ein unruhiger Geist und die Spannung in deinem Körper miteinander verbunden sind. Solange unser Verstand im Alarmmodus ist und das Gedankenkarussell kreist, kann unser Nervensystem keine Sicherheit empfinden – und der Körper hält an seiner Schutzspannung fest.
Dein 4-Schritte-Anker für mehr innere Sicherheit
Um diese unbewusste Schleife zu durchbrechen, habe ich ein Erste-Hilfe-Tool entwickelt: Den 4-Schritte-Anker.
Mit dieser kleinen, aber hochwirksamen Übung zeige ich dir, wie du akuten Stress oder Trigger-Momente sofort mit einem inneren Stopp unterbrichst. Du lernst, aus dem Kopf auszusteigen und ganz bewusst ins Spüren zu kommen. Genau so signalisierst du deinem Nervensystem die Sicherheit, die es braucht, um innerlich – und körperlich – endlich wieder loslassen zu können.

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