Archetypen: Wie ich meinen inneren Gestalten begegnete, bevor ich wusste, dass es sie gibt

Vor ein paar Wochen hat mich auf der Straße jemand blöd angeredet. Nichts Dramatisches, so ein Satz im Vorbeigehen, der einfach nervt.
Früher wäre ich damit nach Hause gegangen. Hätte beim Kochen noch daran gedacht, hätte mir die perfekte Antwort zurechtgelegt, die mir zwei Stunden zu spät eingefallen wäre.
Diesmal war da etwas anderes. Innerlich schüttelte sich etwas. So wie ein Hund sich schüttelt, wenn er aus dem Wasser kommt — einmal komplett durch, vom Kopf bis zur Rute. Und dann war der Ärger weg.
Diese Gestalt in mir hat einen Namen. Ich nenne sie die Wolfsfrau.
Und sie ist nicht die Einzige "wilde Kreatur" in mir. Da ist auch eine Hohe Priesterin, sie trägt ein rotes langes Kleid und lebt in einem Tempel. Sie kann dasselbe sagen wie die Wolfsfrau, nur anders: leise, klar, ohne Schärfe, und trotzdem so, dass niemand auf die Idee kommt, darüber zu diskutieren.
Ich bin mehreren dieser Gestalten im Focusing begegnet und in meinen Träumen. Jahre bevor ich zum ersten Mal etwas von C. G. Jungs Archetypen gelesen habe.
Was sind Archetypen — und was nicht
Jung nannte solche innere Gestalten Archetypen. Urbilder, die nicht aus deiner persönlichen Geschichte stammen, sondern älter sind als du: die Mutter, der Krieger, die Weise, der Schatten, das Kind. Sie tauchen in Märchen auf, in Mythen, in Filmen — und auch in manchen Träumen.
Was sie in der Praxis sind, lässt sich einfacher sagen: Es sind Anteile von dir, die eine eigene Gestalt angenommen haben. Es sind Energien die du spüren kannst, mit denen du Kontakt aufnehmen kannst und die dich führen können. Sie haben eine Stimme. Sie wollen beachtet und integriert werden.
Und nein, das hat nichts damit zu tun, dass man sich etwas einbildet. Laut Jung tragen wir alle die gleichen Archetypen in uns, und über das kollektive Unbewusste sind wir dadurch miteinander verbunden.
Warum ich die Frage „Welcher Archetyp bist du?" nicht mag

Dieses Format läuft gerade durch einige Social Media Kanäle. Zehn Fragen, und du erfährst, ob du die Kriegerin bist oder die Heilerin. Es ist unterhaltsam, und ich verstehe den Reiz. Aber es stimmt so nicht.
Du bist nicht einer dieser Archetypen. Du bist viele, bzw du hast viele davon - wichtig zu verstehen ist, es sind Anteile von dir.
In mir wohnt die Wolfsfrau, die sich schüttelt und die für mich einsteht, wenn ich den Mund aufmachen sollte. Die Hohe Priesterin, die dasselbe sanft aber auch unmissverständlich sagen kann. Mit mir kommuniziert sie meistens wortlos, es reicht ihre reine Präsenz um ihre Sicht der Dinge zu verstehen. Und es gibt noch einige andere.
Es geht nicht darum, sich einen auszusuchen. Es geht darum, ihnen zu begegnen. Und dann darum, sie zu integrieren — also ihnen einen Platz zu geben, statt sie wegzusperren oder sich mit einem einzigen von ihnen zu identifizieren.
Dieser Kontakt bedarf konsequenter Arbeit mit sich selbst, nach Innenschau, Meditation - aber es zahlt sich aus, der Kontakt mit deinen Archetypen macht dein Leben gelassener, kraftvoller, souveräner.
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Mein Traum von der Hexe

Es gab eine Phase in meinem Leben, in der ich sehr viel und sehr kraftvoll geträumt habe. Einer dieser Träume ist mir bis heute geblieben:
Eine Hexe führte eine Gruppe von Menschen durch einen dunklen Hohlweg. Der Weg war erdig und dunkel, aus den Wänden ragten Baumwurzeln herein. Die Hexe trug eine Laterne und sagte, sie kenne den Weg, es sei alles in Ordnung. Ich war eine von der Gruppe.
Dann kamen wir an ein großes Spinnennetz. Wir konnten nicht vorbei. Die Hexe sagte, sie müsse ihr Herz hineinlegen, das sei der Zoll.
Sie tat es. Spinnen kamen und fraßen das Fleisch des Herzens auf.
Ich erschrak. Sie sagte: Das ist in Ordnung. Das ist der Plan, und es ist gut so.
Dann nahm sie das Gerippe ihres Herzens aus dem Netz und setzte es sich wieder in die Brust. Es wird sich wieder erholen, sagte sie. Vertrau mir.
Das Spinnennetz verschwand. Seitlich öffnete sich eine Stiege. Die Hexe sagte, sie müsse da noch hinauf, wir sollten warten. Sie ging hoch und verschwand hinter einer Tür.
Als sie zurückkam, führte sie uns nur ein paar Schritte weiter, zu einer anderen Tür. Sie öffnete sie, und dahinter lag eine große, helle Wiese. Viele Menschen waren dort. Sie feierten, redeten, aßen, lachten. Die Sonne stand hoch. Es war wie eine andere Welt.
Was ich darin gesehen habe

Ich erzähle dir gleich, wie ich diesen Traum verstanden habe. Mit einer Einschränkung: Das ist meine Interpretation für mich, jeder Mensch würde diesen Traum für sich individuell deuten. Ein Traum gehört dem, der ihn geträumt hat. Niemand von außen kann dir sagen, was dein Traum bedeutet. Die Hexe ist ein Archetyp von mir - also ein Anteil von mir. Das Herz, war mein "altes" trauriges Herz. Alles, was sich über die Jahre darin abgelagert hatte — Verletzungen, Enttäuschungen, all die Geschichten die mich emotional traurig machten und ich nicht wusste wie ich sie verarbeiten soll. Das musste transformiert werden, und das ging nicht sanft, mein Herz wurde von Spinnen gefressen. Aber das Gerüst blieb. Und dazu ihr Satz: Es wird sich wieder erholen.
Das war der Preis. Nicht ein Preis, den mir jemand auferlegt hätte, sondern der, der auf diesem Weg der Transformation eben fällig wird. Und die Wiese dahinter war nicht das Ende des Weges. Sie war ein anderes neues Leben, das ich langsam begann zu leben.
Die Treppe, auf der sie allein nach oben ging und hinter einer Tür verschwand, erkläre ich hier nicht. Ich habe dazu auch eine Interpretation, aber sie ist nur eine Möglichkeit. Träume brauchen nicht immer restlos verstanden zu werden. Manchmal ist das Unerklärte genau der Teil, der weiterarbeitet.
Die Phase, in der das passiert ist
Ich war damals an einem Punkt, an dem mir klar geworden war, dass ich ein Muster wiederhole. Ich lief immer wieder gegen dieselbe Mauer und wusste inzwischen, dass die Mauer nicht das Problem war.
Fünf Monate lang habe ich mich weitgehend zurückgezogen. Ich habe gearbeitet, meditiert, focusiert, gegessen und bin mit meinem Hund spazieren gegangen. Wenig sozialer Kontakt, bewusst so entschieden. Ich sag es ganz ehrlich, diese Zeit war anstrengend, fordernd und auch sehr emotional. Sie war aber auch gleichzeitig befreiend und das Effizienteste das ich je in meinem Leben gemacht habe um mich selbst zu befreien. Und sie hat sich auch von selbst wieder beendet — die Träume wurden weniger, meine Meditationen und Focusing-Sitzungen wurden ruhiger. Ich habe diese Phase nicht beendet. Sie hat sich von selbst beendet.

Und jetzt der Teil, der mir wichtig ist: Das war mein Weg und deiner kann anders sein. Ich konnte das allein gehen, weil ich Ausbildungen hinter mir hatte — Yoga, Meditationstechniken, Focusing — und weil ich wusste, was ich da tue. Ich war und mir in jeder Phase klar, wo ich stehe. Und weil ich die ganze Zeit weitergearbeitet habe, also einen Alltag hatte, der mich getragen hat. Wenn ich gemerkt hätte, ich kann mich selbst nicht durch diesen Prozess führen hätte ich mir Hilfe geholt. Rückzug ist nicht automatisch Selbstfürsorge. Wenn du erschöpft bist, wenn dich alte, schwere Dinge einholen oder wenn du weißt wie du durch so einen Prozess gehen sollst, dann geh diesen Weg nicht allein. Nicht weil du zu schwach wärst, sondern weil man solche Prozesse in Begleitung sicherer geht als ohne.
Zwei Türen in denselben Raum

Erst ein Jahr später habe ich in einem Buch über C. G. Jungs Archetypen gelesen. Und da schloss sich ein Kreis, mit dem ich nicht gerechnet hatte.
Jung hat eine Methode beschrieben, die er Aktive Imagination nannte: Man wendet sich einer inneren Gestalt zu, spricht sie an und lässt sie antworten — statt sie von außen zu deuten.
Eugene Gendlin, der Begründer des Focusing, kam aus einer ganz anderen Richtung. Er hat in Chicago erforscht, was Psychotherapie eigentlich wirksam macht, und dabei entdeckt, dass es auf eine bestimmte Art von Körperwahrnehmung ankommt: er nannte diese Körperwahrnehmung Felt Sense. 1986 hat er ein eigenes Buch über Träume geschrieben, in dem er sechzehn Fragen an einen Traum stellt — aber nicht an den Kopf, sondern an den Körper. Man fragt und spürt hin, ob etwas Neues kommt.
Sein Grundsatz dazu: Nur der Träumende selbst kann seinen Traum deuten. Ein Außenstehender kann Fragen anbieten. Wissen kann es nur die Person, die geträumt hat.
Zwei Menschen, Jahrzehnte auseinander, aus völlig verschiedenen Schulen. Jung geht über das Bild hinein, Gendlin über den Körper. Aber es ist derselbe Raum.
Genau deshalb hat mich das so berührt. Ich wusste nichts über Archetypen, dennoch hatte ich Kontakt zu ihnen.
Wie du deinen eigenen Gestalten begegnen kannst
Kein Test und keine Liste. So kannst du starten:
1. Merk dir, wo etwas in dir eine Stimme hat. Wenn du innerlich streitest, wenn ein Teil von dir etwas will und ein anderer bremst — halt einen Moment inne. Erkenne da ist "ETWAS" in dir - das müssen noch keine Archetypen sein, aber es ist der erste Schritt in die richtige Richtung.
2. Sprich in der Drittform. Nicht „Ich bin so wütend", sondern „Etwas in mir ist wütend". Dieser kleine Wechsel öffnet den Raum, in dem eine Begegnung überhaupt möglich wird. Solange du das Gefühl bist, kannst du ihm nicht gegenübertreten.
3. Geh in den Körper. Wo sitzt das? Ein Druck in der Brust, Enge im Hals, ein Ziehen im Bauch? Nicht analysieren. Nur finden.
4. Stell eine Frage, und spür hin: Was brauchst du? Wovor schützt du mich? Und dann tu das Schwierigste: Warte wirklich. Die Antwort kommt meistens nicht als klarer Gedanke, sie kommt als Bild, Symbol, ein Wort, ein Satz, ein Gefühl, ...
5. Schreib deine Träume auf. Im Halbschlaf, ein paar Stichworte genügen. Nicht unbedingt um sie zu deuten. Nur damit sie nicht verschwinden.
Und wenn eine Gestalt auftaucht, die dir nicht gefällt: Die gehört auch dazu. Meine Hexe war schon ein bisschen gruselig, aber sie war sanft und sie wusste was sie tat, sie hat die Gruppe sicher in eine neue Welt geführt.
Wenn du nicht allein hineingehen möchtest
Focusing ist genau dafür gemacht. In einer 1:1 Session halte ich den Raum, während du hinhörst — ich deute nichts, ich gebe Anweisungen tiefer hinzuspüren und begleite dich dabei, deine eigenen Antworten zu finden. Online über Zoom oder bei mir in der Praxis in Graz.
Und wenn dir das gerade zu viel ist, fang kleiner an. Meine online Kurse - vor allem die Mini-Kurse führen dich langsam in die Technik des Focusing hinein. Ganz in deinem Tempo.
Focusing wurde für mich zum einfachsten und effizientesten Werkzeug und ich habe es komplett in meinem Leben integriert. Gelingt es mir immer, es sofort anzwenden wenn ich es brauche? Nein, natürlich nicht, aber ich lerne, ich übe, ich wachse und das kannst du auch.
Es ist immer noch die einfachste Tür, die ich kenne: Etwas in mir ist aufgewühlt. Ich sehe dich, ich spüre dich.
Alles Liebe und bleib ganz bei dir, deine Martina

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