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Martina Sailer LOGO Cranio Sacral Therapie & Psychosoziale Beratung

Dein Partner zieht sich zurück? Warum Therapieren in der Beziehung nicht deine Aufgabe ist

29. Sept.
8 Min. Lesezeit

Ich schreibe aus meiner Sicht als Frau, und deshalb in der weiblichen Form. Gemeint bist aber du, in jeder Art von Beziehung — egal, welchem Geschlecht du dich zugehörig fühlst.


Weinende Frau sitzt vornübergebeugt auf dem Sofa, Hände am Gesicht; unscharfer Mann sitzt traurig im Hintergrund.

Dein Partner zieht sich zurück. Sagt nichts, oder sagt „passt eh", geht ins andere Zimmer, macht den Fernseher an. Und in dir beginnt etwas zu arbeiten. Ähnlich wie ein Motor, der anspringt. Innerhalb von zwei Minuten hast du eine Theorie: Das ist wegen seinem Vater. Oder wegen der Sache letzte Woche. Oder er ist überarbeitet und merkt es selbst nicht. Du überlegst, wie du das Gespräch anfängst. Welchen Satz er hören könnte, ohne zuzumachen. Ob du ihm den Podcast schickst.

Du bist längst in seinem Innenleben unterwegs. Und niemand hat dich hineingebeten.


Das ist nicht übergriffig gemeint, es ist eher eine Sorge, die dich innerlich immer wieder einnimmt. Und es ist auch nicht dumm — oft siehst du wirklich etwas, das er nicht sieht.

Vielleicht ist es auch gar nicht dein Partner. Vielleicht ist es dein Teenager-Kind, das dich anmault und die Tür zumacht. Oder dein Vater, den du nie hast weinen sehen, nicht einmal bei der Beerdigung seiner eigenen Mutter. Vielleicht dein Bruder, mit dem du seit Jahren nur über Autos und Fußball sprichst.

Die Bewegung ist immer dieselbe: Du siehst, dass etwas nicht stimmt. Und in dir setzt sich sofort etwas in Gang.

Eines vorweg, weil es sonst untergeht: Nicht jede stille Person hat ein Thema. Manche Menschen brauchen nach einem langen Tag einfach zwei Stunden Ruhe, und das ist keine Störung. Es geht hier nicht um die Stille an sich, es geht um "zumachen" und darum, was es in dir auslöst.


Wir Frauen haben unsere andere Seite längst gefunden


In einem früheren Beitrag - "Immer im machen, nie im sein: Warum Erschöpfung bei Frauen oft übersehen wird" habe ich darüber geschrieben, dass wir Frauen unseren Animus (den männlichen Anteil) längst leben — die Seite, die anpackt, entscheidet, führt und aktiv nach vorne geht. Wir tun das so selbstverständlich, dass unsere eigentliche Aufgabe eher darin besteht, nicht darin zu verschwinden, nicht nur noch im Machen zu sein. Heute schauen wir in die andere Richtung.

Denn während wir Frauen gelernt haben, beide Seiten zu leben, ist für viele Männer die andere Seite noch immer schwer wahrzunehmen, geschweige denn zu integrieren.


Was mit Anima eigentlich gemeint ist


Unterwasser schwebt eine Frau im weißen Kleid kopfüber zum Licht an der Wasseroberfläche.

C. G. Jung nannte diesen Anteil die Anima und beschrieb ihn als das Weibliche im Mann. Diese Formulierung ist über hundert Jahre alt, und sie wurde oft kritisiert - zum Teil auch zu Recht — sie teilt Menschen in Geschlechterrollen ein die längst überholt sind.

Der Psychologe James Hillman hat das später grundlegend "nachgebessert", und seine Fassung finde ich brauchbarer: Die Anima ist nicht bloss die innere Frau im Mann. Sie ist die personifizierte Funktion der Psyche, die aus Fakten tiefe psychologische Erfahrungen macht. Ihre Funktion ist es uns von dem rationalen Verstand wegzuziehen, hinein in die Tiefe unserer Innenwelt.

Also: die Fähigkeit zu spüren statt nur zu denken. Intuition, Verbindung, langsam werden. Etwas tun, ohne ein Ziel. Im Wald spazieren gehen, ohne eine Runde abzuhaken. Eine Stunde sitzen und nichts leisten.

Das braucht jeder Mensch, sowohl Frau als auch Mann. Wir alle brauchen es um eine Ausgewogenheit in unserem Leben zu integrieren.


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Warum es für Männer schwerer ist als für Frauen


Fünf Frauen tanzen Hand in Hand auf einer sonnigen Wiese, Arme hoch, fröhlich vor hellem Himmel.

Frag dich einmal, wen du anrufen würdest, wenn es dir richtig schlecht ginge. Wahrscheinlich fällt dir sofort jemand ein. Vielleicht sogar drei Personen.

Wir Frauen haben ein Netz. Auch als Single. Wir telefonieren, wir treffen uns, wir schreiben mitten in der Nacht. Wir reden nicht nur über das Wetter und die Arbeit, sondern über das, was wirklich los ist. Wenn eine von uns hinfällt, stehen ziemlich schnell mehrere daneben.

Männer haben Kumpels. Kollegen. Den Sportverein, das Bier danach, die gemeinsame Radtour. Das sind auch echte Beziehungen, und sie haben ihren Wert. Aber der Satz „Mir geht es gerade nicht gut" fällt dort selten.

Die Zahlen dazu sind still, aber eindeutig. Laut einem OECD-Bericht geben acht Prozent der Befragten in 22 EU-Ländern an, überhaupt keine engen Freunde zu haben. In einer Umfrage für Deutschland sagt gut ein Drittel, aktuell keinen besten Freund oder keine beste Freundin zu haben.

Dazu kommt etwas, das sich hartnäckig hält: Hilfe zu holen gilt für Männer immer noch als Schwäche. Zum Arzt gehen erst, wenn es nicht mehr anders geht. Zur psychosozialen Beratung gehen - am besten gar nicht. Gefühle zeigen nur bei einem Tor in der Verlängerung.

Wenn du das zusammenrechnest, siehst du einen Mann, der keinen Ort hat, an dem er ablegen darf. Nicht, weil er nicht will, sondern weil er nie gelernt hat, dass es diesen Ort geben darf.


Und genau hier fängt es an, gefährlich zu werden


Du nimmst bestimmte Dynamiken wahr, du siehst es oft klarer als er. Du weißt, dass er mit jemandem reden sollte. Du weißt sogar, mit wem. Du kennst die Bücher, die Podcasts, die Übungen. Du hast in deinem Leben genau diese Arbeit gemacht, und du weißt, wie viel sie verändert.

Und dann tust du das Naheliegendste: Du wirst seine Therapeutin.

Nicht offiziell. Es beginnt harmlos. Du erklärst ihm, warum er so reagiert. Du interpretierst und analysierst, wenn er erzählt. Du schickst ihm einen Artikel, der zufällig genau sein Thema trifft. Du planst Gespräche, statt sie einfach zu führen. Und irgendwann merkst du: Du arbeitest mehr an ihm als er selbst es tut.


Drei Muster, die dahinterstehen


Erhobene Faust vor dunkler Tafel mit dem Wort CONTROL in Kreide, wirkt trotzig und entschlossen.

Kontrolle als Angstregulation. Solange ich weiß, warum er so ist, und solange ich etwas tun kann, habe ich es im Griff. Sein Innenleben zu verstehen ist dann keine Neugier — es ist der Weg, die eigene Angst zu beruhigen. Über einen anderen Menschen. Über Kontrolle und darüber, was sie eigentlich reguliert, habe ich hier schon einmal geschrieben.

Die Retterin als Identität. Wenn er mich braucht, hat er einen Grund zu bleiben. Wenn ich diejenige bin, die ihn versteht wie sonst niemand, bin ich unersetzlich. Das ist selten bewusst. Spürbar ist es trotzdem.

Und das Ablenkungsmanöver. Das ist der unbequemste von den dreien: Solange ich an ihm arbeite, muss ich nicht bei mir hinschauen. Sein Prozess ist ein hervorragendes Versteck. Das funktioniert übrigens genauso gut mit der besten Freundin, der Mutter oder der Schwester — Hauptsache, es ist jemand anderer.


Warum ich das so genau weiß: Ich musste dreimal gegen die Gleiche Mauer laufen


Wandmalerei eines weißen Kleinwagens, der durch eine hellblaue Wand bricht.

Ich habe in meinen Zwanzigern sehr oft bei Familienaufstellungen assistiert. Über Jahre. Ich habe dabei viel gesehen: Muster, Verstrickungen, diesen Moment, in dem etwas an seinen Platz fällt und ein ganzer Raum leiser wird.

Und ich bin aus dieser Zeit mit der festen Überzeugung herausgegangen, dass ich verstanden hatte, wie der Hase läuft. In einer früheren Beziehung war ich die, die es wusste. Ich habe ihm erklärt, warum er so reagiert. Ich habe seine Muster gesehen — und ehrlich gesagt lag ich damit oft nicht einmal falsch. Das ist ja das Heikle daran: Es ist nicht Unsinn, was man da sieht.

Was ich nicht gesehen habe, war mein eigener Hochmut. Und dass genau dieser Hochmut ein Teil davon war, warum die Beziehung gescheitert ist. Ich dachte ich weiß was gut ist für ihn, ich dachte ich weiß wie und was er zu tun hat. Ich dachte ich muss kontrollieren, ich gab ihm keinen Raum selbst durch seinen Prozess zu gehen, ich wollte helfen, stellte mich dadurch aber auf ein Podest. Ich bin damals gegen eine Wand gelaufen. Und ich musste diese Wand danach noch zweimal spüren, ein bisschen anders und schwächer, aber dann habe ich verstanden dass da etwas in mir ist, das Beziehung sabotiert, und nicht nur er dafür verantwortlich ist dass die Beziehung zerbrach.

Heute bin ich in einer glücklichen Beziehung. Und es fordert mich immer noch, nicht wieder in diese Rolle zu rutschen. Nicht weil mein Partner unfähig wäre. Sondern weil etwas in mir glaubt, alles besser zu wissen.

Ich schreibe das nicht, weil ich es hinter mir hätte. Ich schreibe es, weil ich es kenne und nach wie vor an mir arbeite um die alten Fehler nicht zu wiederholen.


Und noch ein anderer Aspekt den du nicht vernachlässigen solltest


In dem Moment, in dem du seine Therapeutin wirst, verändert sich etwas zwischen euch. Aus einer Partnerschaft wird ein Gefälle. Du bist die, die versteht, er ist der, an dem gearbeitet wird. Und in einem Gefälle stirbt die Anziehung.

Nicht weil er langweilig geworden wäre. Sondern weil man schwer jemanden begehren kann, für den man sich verantwortlich fühlt. Wenn du dich fragst, warum zwischen euch nichts mehr ist, obwohl ihr euch doch so gut versteht — das kann der Grund sein.


Der Schritt heraus aus der "Partner zieht sich zurück Dynamik": Die Beobachter-Methode


Auge einer Person blickt durch große grüne Blätter, Nahaufnahme, ruhige Stimmung.

In meiner Arbeit gibt es eine kleine Bewegung, die sehr viel verändert. Sie geht so: Statt „Ich bin besorgt" sagst du „Etwas in mir ist besorgt." Das klingt "klein". Für dein Nervensystem ist es aber der Unterschied zwischen Mittendrin-Sein und Danebenstehen. Solange du das Gefühl bist, kannst du ihm nicht gegenübertreten. Sobald etwas in dir es hat, entsteht Raum.

Hier ist es dasselbe, nur verschmilzt du diesmal nicht mit einem Gefühl, sondern mit einer Aufgabe: Ich bin zuständig dafür, dass es ihm besser geht.

Der Schritt heraus lautet: „Etwas in mir will ihn retten."

Und dann kommt der Teil, der wirklich etwas bewegt. Du fragst nicht ihn. Du fragst diesen Anteil in dir: Was brauchst du gerade? Wovor schützt du mich? Wovor hast du am meisten Angst? Was wäre, wenn ich nichts täte?

Und dann wartest du. Nicht auf einen klaren Gedanken — die Antwort kommt eher als Bild, als Wort, als Empfindung. Oft zeigt sich dabei etwas ganz anderes als erwartet. Angst. Oder Erschöpfung. Oder ein sehr alter Satz, der gar nicht mit ihm zu tun hat. Fast immer geht es dann nicht mehr um ihn.


Was stattdessen möglich ist


Anteilnahme statt Zuständigkeit. Du darfst mitfühlen, ohne sein Ergebnis zu übernehmen.

Zuhören statt deuten. Wenn er etwas erzählt, muss keine Einordnung folgen. Ein „Das klingt hart" reicht und wirkt mehr als jede Analyse.

„Ich bin da" statt „Du müsstest mal". Der erste Satz öffnet eine Tür. Der zweite macht sie zu.

Verändere deinen Blickwinkel: Sieh in ihm den Mann dem du vertraust. Er kann durch seinen Prozess gehen und reflektieren, auf seine eigene Art und Weise und in seinem Tempo. Du bist da und gibst ihm den Raum, wenn du das möchtest.

Schick ihm nicht diesen Beitrag. Du weißt schon, als Hinweis getarnt. Er wird genau verstehen, was gemeint ist, und genau das Falsche daraus hören.

Und der stärkste Hebel überhaupt: Lebe selbst, was du ihm wünschst. Geh du in Begleitung. Nimm dir deine Stunde ohne Zweck. Menschen ändern sich fast nie durch Aufforderung. Manchmal aber durch das, was sie über Jahre neben sich sehen.


Wo Verstehen aufhört


Und jetzt ein Satz, der klar sein muss und der wichtig ist: Verstehen heißt nicht aushalten.

Zu begreifen, welche Ohnmacht hinter dem Schweigen oder der Härte eines Partners steht, erklärt dieses Verhalten. Es entschuldigt es nicht. Niemand ist verpflichtet zu bleiben, um jemandem beim Heilen zuzusehen.

Wenn du dich in deiner Beziehung immer kleiner machst, wenn es dir dauerhaft schlecht geht, wenn Angst im Spiel ist oder sogar Gewalt, egal in welcher Form — dann ist das keine Frage von Verständnis mehr. Dann hol dir Unterstützung für dich. Sofort und ohne schlechtes Gewissen.


Wenn du bei dir anfangen möchtest


Genau für diese Bewegung habe ich meinen Kurs „Etwas in mir — Die Beobachter-Methode" gemacht. Ein Video, eine Übungs-Meditation, ein Notfall-Audio für akute Momente und ein Worksheet. Du lernst darin, den Schritt aus der Verschmelzung zu gehen — bei einem Gefühl genauso wie bei einer Aufgabe, die dir niemand gegeben hat.

Und wenn du dem Anteil, der immer für alle zuständig ist, wirklich zuhören möchtest: In einer 1:1 Focusing-Session halte ich den Raum, während du das tust. Ich deute nichts. Ich gebe Anweisungen, tiefer hinzuspüren, und begleite dich dabei, deine eigenen Antworten zu finden. Online über Zoom oder bei mir in der Praxis in Graz.

Jeder hat seinen individuellen Weg. Das ist keine Kälte — das ist der einzige Ort, an dem du überhaupt etwas bewegen kannst.


Alles Liebe und bleib ganz bei dir, deine Martina



Person sitzt im Schneidersitz: eine Hand in Meditationshaltung, die andere Hand am Herzen

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